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In Teltows traditionsreicher Biomalzfabrik gibt es jetzt eine Behindertenwerkstatt mit 77 Plätzen (30.03.11)

20101108_use_xmasTeltow - Jonas Wehner sind seine Einschränkungen nicht anzusehen. Sorgfältig sortiert der 21-Jährige die Rechnungen. Das Stehen falle ihm schwer, sagt er, deshalb sitzt er auf einem Drehstuhl. Schon einen ganzen Stapel hat er heute abgearbeitet. Morgen übernimmt er den Telefondienst. Hier in den Teltower Büros der gemeinnützigen Gesellschaft Union Sozialer Einrichtungen (USE) darf Jonas Wehner zeigen, was er als Mensch mit Behinderung in einer Verwaltung leisten kann. Das Ziel des jungen Potsdamers: „Ich will für eine Ausbildung zugelassen werden“ - um so den Weg auf den Arbeitsmarkt zu finden. Auf dem früheren Teltower Biomalz-Areal hat die USE gestern ihre neue Betriebsstätte für behinderte Menschen eröffnet. In Kleinmachnow betreibt das gemeinnützige Berliner Unternehmen bereits seit 2008 eine Weiterbildungsstätte. In Teltow hat sich der Träger schon im November 2009 angesiedelt, anfangs aber nur mit einer Druckerei. Inzwischen ist das Projekt gewachsen. Auf drei Etagen des über hundertjährigen Backsteinbaus sind jetzt weitere Werkstätten für die Bereiche Haus- und Gartenbau, Metallbau, Verwaltung, Hauswirtschaft und eine Schneiderei entstanden. Perspektivisch soll es bald auch einen Veranstaltungsservice geben. Brandenburgs Sozialminister Günter Baaske (SPD) war gestern ebenso wie Landrat Wolfgang Blasig (SPD) vor Ort, um sich ein Bild von der Betriebsstätte zu machen - eine von 28 Behindertenwerkstätten landesweit. „Wir haben damit schon eine ganze Menge erreicht“, sagte Baaske. Die Werkstätten seien aber nur der erste Schritt. „Das normale Leben findet auch für Menschen mit Behinderung statt.“ Deren Teilhabe müsse von Anfang an als selbstverständlich gelten, in Kitas, in Schulen und auf dem Arbeitsmarkt. „Da haben wir noch eine Menge zu tun“, so Baaske. Martin Hennig hat sich in Teltow bereits eingelebt. Der 24-Jährige ist schon eine ganze Weile in der Schneiderei tätig. Von seiner Nähmaschine kann er fast über das gesamte Biomalz-Areal blicken. Gerade macht er die letzten Stiche für ein grün-gelbes Platzdeckchen. „Es soll was frühlingshaftes sein“, sagt er. Er fühle sich hier wohl und genieße die Ruhe bei seiner abwechslungsreichen Arbeit. In den sieben Werkstätten sollen 77 Menschen beschäftigt und weitergebildet werden, 25 sind bereits neben den neun festangestellten Betreuern und einer Sozialpädagogin tätig. Die USE will vor allem für psychisch kranke Menschen in Teltow ein Angebot schaffen. Der Bedarf sei vorhanden, sagte USE-Unternehmens-Chef Wolfgang Grasnick. Depression, Burn-out, Schizophrenie - „es kann jeden treffen“, erklärte er. Ob Chirurgen, Ingenieure, Minister oder Ungelernte, alle könnten in den Werkstätten versuchen, in das Berufsleben zurückzufinden. „Hier werden keine Schrauben sortiert oder Vogelhäuser gebaut, es geht um hochwertige Arbeiten", so Grasnick. So wird in der Bauwerkstatt mitunter an ganzen Carports oder Terrassendächern gearbeitet. Die Metallbauer fertigen Zäune und Tore. Die Druckerei druckt Visitenkarten und Zeitungen und im Bereich der Hauswirtschaft wird Wäsche gewaschen und gekocht. Bezahlt werden die beruflichen Rehabilitationsmaßnahmen vom Rentenversicherungsträger und der Bundesagentur für Arbeit. Viele Behinderte oder Kranke können sich zudem auf diesem Weg etwas zu ihrer Grundleistung dazuverdienen. Jonas Wehner macht seine Arbeit Spaß, sagt er. Schon seit November ist er im Verwaltungsbereich der Betriebsstätte tätig und hat viel dazugelernt. "Man kann sich hier ausprobieren", sagt er. Das finde er gut. Vielleicht will er später auch nochmal in die Druckerei wechseln. Das Angebot steht ihm offen.


Quelle:
Tobias Reichelt - PNN-online 30.03.2011